Unser Pfarrpatron

Der Volksheilige Antonius von Padua über einem Lichtermeer auf dem Antoniusaltar unserer Kirche


Skulptur aus dem Jahr 1922 von Guido Martini
Foto: Jürgen Kemmerer


Die Art und Weise, wie die Pfarrei St. Anton, Regensburg, zu ihrem Patron, dem heiligen Antonius von Padua, gekommen ist, entspricht fast dem Lebensweg dieses Heiligen. Er ist nicht den geraden Weg gegangen.

Sein Ordensleben fängt er bei den Augustinerchorherren in Lissabon an und geht später nach Coimbra. Nach einigen Jahren wechselt er zu den Franziskanern.

In den ersten Planungen für die neue Pfarrei war der Name des Diözesanpatrons, des heiligen Wolfgang, für die heutige Pfarrei St. Anton vorgesehen. Aber es sollte anders kommen. Da der heilige Wolfgang als Patron für eine durch die Teilung der Pfarrei St. Emmeram neu zu errichtende Pfarrei St. Wolfgang reserviert war, wählte man den heiligen Antonius von Padua als Patron für die neue Kirchenstiftung. Mit bestimmt war diese Namenswahl sicher auch durch den Vornamen des damaligen Diözesanbischofs Antonius von Henle (1851-1927), der sich bis zu seinem Tod als eifriger Förderer der Pfarrei seines Namenspatrons zeigte.

Der hl. Antonius ist nicht nur dem regelmäßigen Kirchgänger bekannt, gilt er doch im Volksmund als "der Patron der Schlamper", den man anruft und dem man eine Kerze stiftet, wenn man etwas verlegt hat und nicht mehr finden kann.

So ist er ein Patron der Suchenden, wie er selber ein Suchender war nach dem richtigen Weg zu Gott.

Der hl. Antonius kam nicht als Antonius auf die Welt. Er wurde im Jahr 1195 als Fernandez Martin de Bulhorn in Lissabon geboren. Seine Eltern übergaben ihn den Kanonikern an der Kathedralkirche zur Ausbildung. Dort erhielt er nicht nur seine religiöse Erziehung sondern auch eine Ausbildung im Wissen seiner Zeit. Dabei stellte sich bald heraus, dass er auch intellektuell sehr begabt war.

Auf der Suche nach Gott trat er mit fünfzehn Jahren bei den regulierten Augustinerchorherren im Kloster St. Vinzenz bei Lissabon ein. Da er sich in diesem Stadtkloster durch die zahlreichen Besuche seiner Freunde in seiner Gottsuche gestört sah, bat er seine Oberen, ihn an einen ruhigeren Ort zu versetzen. Diese erfüllten ihm den Wunsch und sandten ihn nach Coimbra, wo er die Priesterweihe empfing.

Aber mit dem Umzug nach Coimbra war die Suche des Fernandez noch nicht beendet. Als Dom Pedro, Infant von Portugal, die Gebeine von fünf in Marokko ermordeten Franziskanern feierlich in Coimbra bestatten ließ, erschütterte dies Fernandez so, dass er im franziskanischen Ideal seinen Weg zu Gott gefunden zu haben glaubte. Seine Oberen wollten zunächst nicht auf den begabten jungen Priester verzichten. Da er aber nicht nachgab, genehmigten sie schließlich seinen Übertritt in den Franziskanerorden. Dort nahm er den Namen "Antonius" an, unter dem er der Nachwelt bekannt geworden ist.

Doch auch mit dem dem stillen Gebet gewidmeten Leben hinter Klostermauern war Antonius noch nicht zufrieden. Er wollte aktiv etwas zur Verbreitung des Gotteswortes unter den Heiden, als welche man damals von christlicher Seite die Muslime ansah, beitragen. Daher bat er seine Oberen, ihn nach Marokko ziehen zu lassen. Diese Bitte wurde ihm gewährt. Doch der Weg zu Gott war dies für Antonius immer noch nicht.

Kaum in Marokko angekommen, wurde er schwer krank. Auf der Rückreise verschlug ihn ein heftiger Sturm mit seinem Schiff nach Sizilien. Von dort aus nahm er 1221 am Generalkapitel der Franziskaner in Assisi teil. Hier entdeckte man seine eigentliche Sendung, als sich herausstellte, dass er ein begnadeter Prediger war.

Wegen dieser besonderen Gabe beauftragte man ihn, 1222 bis 1224 in Rimini und Mailand und anschließend 1224 bis 1227 in Südfrankreich gegen die Katharer und Albigenser zu predigen.

Antonius hatte nun seinen Weg gefunden. Er lebte die franziskanische Armut überzeugend und konnte so mit einem Lebensstil, der mit seinen Predigerworten übereinstimmte, Viele überzeugen. Große Bewunderung erregte auch seine Vertrautheit mit der Heiligen Schrift.

Ab 1227 predigte er wieder in Oberitalien. Dort wählte man ihn zum Ordensprovinzial der Emilia Romagna in Padua .

Der heilige Franziskus ernannte ihn zum Lektor der Theologie für die Minderen Brüder des Ordens an der Universität Bologna. Dort führte er für den Franziskanerorden die Theologie des heiligen Augustinus ein. Diese Theologie sollte für lange Zeit bestimmend für den Orden sein. Einer der bedeutendsten franziskanischen Vertreter der augustinischen Theologie wurde der heilige Bonaventura.

1230 zwang der angegriffene Gesundheitszustand unseren Heiligen, seine Ämter nieder zu legen. Trotzdem hielt er ein Jahr später die Fastenpredigten in Padua, mit geradezu sensationellem Erfolg: So war keine Kirche groß genug, seine zahlreichen Zuhörer zu fassen.

Die Auswirkungen auf die Gläubigen der Gegend waren ebenso sensationell: Zerstrittene versöhnten sich wieder, Diebe gaben gestohlene Sachen zurück und Gläubiger erstatteten ihren Schuldnern Wucherzinsen.

Die Anstrengungen seines bisherigen aufreibenden Lebens waren aber trotzdem zu viel für Antonius, sodass er noch im Jahr 1231 starb.

Bereits elf Monate nach seinem Tod sprach ihn Papst Gregor IX. heilig. Papst Pius XII. erhob ihn 1946 zum Kirchenlehrer.

Um die Gestalt des hl. Antonius ranken sich viele Legenden. Einige von ihnen sind in dem Fresko über dem Antoniusaltar unserer Kirche dargestellt.


Einmal wollte er den Ketzern in Rimini predigen. Diese aber wollten ihn nicht hören. Daraufhin ging Antonius an den Fluss und ans Meer und predigte dort den Fischen. Diese kamen scharenweise herbei, stellten sich der Reihe nach auf, reckten ihre Köpfe über das Wasser und drückten so ihren Beifall und Dank aus. Auf dieses Wunder hin bekehrte sich die ganze Stadt.


Ein anderes Mal zweifelte ein Mann vor dem hl. Antonius an der wirklichen Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie. Daraufhin ließ man einen Esel drei Tage lang hungern und setzte ihm dann erst etwas zum Fressen vor. Gleichzeitig trat aber der hl. Antonius vor ihn mit der konsekrierten Hostie. Der hungrige Esel aber erkannte in der Hostie die Gegenwart des Herrn und, statt sich gierig auf sein Futter zu stürzen, kniete er vor dem Allerheiligsten nieder und betete es an.

Dargestellt wird unser Kirchenpatron mit dem Jesuskind auf dem Arm, wie etwa auch in der Skulptur von Guido Martini (s.o.) auf unserem Antoniusaltar. Auch das geht auf eine Legende zurück.

Nach dieser war der hl. Antonius zu Gast bei einem reichen Bürger in einer italienischen oder französischen Stadt. Nachts kam plötzlich ein so heller Lichtschein aus dem Zimmerchen des Heiligen, dass der Hausherr meinte, dort sei ein Feuer ausgebrochen. Als er die Zimmertür aufriss, um das vermeintliche Feuer zu löschen, sah er den hl. Antonius vor einem lichtumstrahlten Knaben knien und ihn anbeten. Daraus erkannte der Hausherr, dass dieser Knabe das Jesuskind war.

Als weiteres Attribut trägt der Heilige manchmal ein Buch in seiner Hand. Dies ist ein Hinweis auf seine umfassende Gelehrsamkeit.

Der heilige Antonius von Padua wird unter anderem angerufen als Patron gegen fiebrige Erkrankungen.

Er gilt auch als Patron der Liebenden und Eheleute, vor allem dann, wenn einer der Partner um den Verlust des anderen besorgt zu sein glaubt.

Ganz besonders aber ist er bekannt und beliebt als der Heilige, auf dessen Fürsprache man verlegte oder verlorene Sachen wieder findet.

Für uns ist der heilige Antonius kein toter Heiliger aus einer längst vergangenen Zeit. Er ist lebendig, nicht nur weil alle Heiligen bei Gott leben und damit auch für uns lebendig sind.

Er kann uns auch in unserer heutigen Zeit etwas sagen: Er kann uns ein Vorbild für unseren Glauben sein - in der Theorie und in der Praxis. Keiner und keine kann sagen, sie oder er wisse alles und lebe ganz so, wie sie oder er es als Christ oder Christin soll.

Wir alle müssen immer wieder bereit sein, zu lernen. Nur wer nichts mehr lernen will, ist tot, und wäre er noch so fromm! Der hl. Antonius macht uns also offen für neue Fragen, neue Probleme und neue Antworten. So können wir vom hl. Antonius lernen, was es heißt ein Christ zu werden und zu sein.

Denn wir sind nicht vollkommen, sind es nicht im Tun und nicht im Denken, nicht im Wissen und nicht im Handeln, nein, wir sind stets Anfänger, und bisweilen sogar blutige Anfänger!

(Fotos: Jürgen Kemmerer)

Betrachtungen zur Rolle des Heiligen Antonius in seiner und unserer Zeit

I.

"Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und in allem ist" - so benennt der Epheserbrief das Fundament, auf dem allein es eine Gemeinde geben kann. Die Einheit im Glauben, Beten und Bekennen ist ihr Grund. Und doch sind die Gemeinden sich nicht einfach gleich. Jede trägt einen Eigennamen, und jede feiert darum besonders das Fest dessen, nach dem sie sich nennt. Unser Patron ist der Hl. Antonius von Padua. Heilige gibt es so viele, dass sie keiner mehr aus dem Stand aufzählen kann. Einige aber sind den Christen über alle Sprachen und Kulturen hinweg ans Herz gewachsen. Und unter diesen wenigen ragt der Hl. Antonius noch einmal hervor, was die Zahl derer betrifft, die ihn ehren und um seine Fürsprache bitten.

II.

Ich denke, das ist kein Zufall. Es hat vielmehr mit dem zu tun, was Antonius zum Heiligen hat werden lassen. Heiligkeit geht ja hervor aus der Art und Weise, wie einer im Hier und Jetzt seines gelebten Lebens das eigene Tun und Lassen zum Gleichnis Gottes macht - zum Gleichnis des Gottes, der so ist, wie Jesus war. Jedes Heiligenleben ist darum so etwas wie ein Bilderbuch zum Evangelium. Der Hl. Antonius übersetzte das Evangelium ins Leben seiner Zeit auf eine Weise, die sich auch unabhängig von dieser Zeit immer neu als gültig bewährte - als gültig bewährte gerade dann, wenn einer - ja, wenn die ganze Kirche - einen Umbruch oder eine Krise zu bestehen hatte.

III.

Es war eine unruhige Zeit, in die Antonius hineingeboren wurde - in vielem übrigens der unseren vergleichbar. Das Herkömmliche trug nicht mehr im Denken und im Leben. Alle ahnten: es kommt eine neue Zeit; aber keiner wusste, wie sie aussehen würde. Die Menschen suchten darum Weisung und Halt bei der Kirche. Aber dort fanden sie beides nicht. Denn die Kirche war ihrerseits durch und durch klerikal verknöchert und verbrauchte ihre Energie so gut wie ganz in politischen Streitigkeiten um Macht und Einfluss. So wurde in vielen Gläubigen die Überzeugung wach: nicht nur das Leben ändert sich, auch die Kirche muss eine andere - und das kann nur heißen: muss erneuert werden.

So brachen im 12. und 13. Jahrhundert quer durch Europa Bewegungen auf, die sich in der Sprache von heute als "Kirche von unten" bezeichnen lassen. Menschen guten Willens bemühen sich darum, Wichtiges wieder wichtig zu nehmen und ein Leben gemäß dem Evangelium zu führen - gehorsam, also ganz Ohr für das Geheimnis des unbegreiflichen Gottes und mit der Einfachheit der Lebensführung, die das Evangelium wie selbstverständlich voraussetzt. Die Hierarchie hat das zunächst als Majestätsbeleidigung aufgefasst und nicht nur mit den Mitteln ihrer weltlichen Macht zurückgeschlagen, sondern auch noch die Auswüchse dieser Erneuerungsbewegungen ihrerseits mit Exzessen der Trotzigkeit beantwortet: so kam es zu den schrecklichen Ketzerkriegen mit ihrem gotteslästerlichen Morden von Christen an Christen.

Jahrzehnte hat es gebraucht, bis die Verantwortlichen der Kirche das Recht dieser Protestbewegung begriffen und sich ihr darum öffneten. Untrennbar ist die Wendung in der Geschichte der Kirche mit dem Namen Franz von Assisi und Dominikus verbunden. Beide haben mit den von ihnen gegründeten Orden die höchst notwendige Reform nicht gegen die Kirche, sondern in der Kirche zu verwirklichen gewusst. Und eben da schlug auch die Stunde des Hl. Antonius.

Für ihn als Sohn aus vornehmem Haus, der sich zum geistlichen Stand berufen fühlte, war die Karriere eigentlich klar vorgezeichnet: er trat bei den Augustiner-Chorherren ein, um sich ganz dem beschaulichen Leben zu widmen. Aber zwei Dinge kamen dazwischen: einmal die politischen Kungeleinen seiner Oberen, die ihn abstieß. Und zum Zweiten die Begegnung mit Franziskaner-Mönchen: ihr einfaches Leben nach dem Evangelium traf ihn im Innersten, so dass er einer der ihren wurde. Über große Umwege verschlug es ihn nach Oberitalien, und dort kam eines Tages durch Zufall sein einzigartiges Talent zutage, das ihm geschenkt war: die Gabe, auf faszinierende Weise zu predigen.

Wer die Aufzeichnung der Predigten liest, die uns noch erhalten sind, den verblüfft zweierlei. Einmal: Antonius hat weder doziert noch moralisiert. Wenn er sprach, drängten sich ihm wie von selbst Worte und Bilder der Heiligen Schrift auf die Lippen; er hat die einfache, aber eben darum so ungeheuer anrührende Sprache der Predigt Jesu gesprochen.

Und das Zweite: obwohl er seine größten Erfolge wohl der Bekehrung derer feierte, die sich aus Protest von der vor allem mit sich selbst beschäftigten Kirche abgewandt hatten, findet sich in seine Predigten an die sogenannten Ketzer kein einziges Wort des Tadels oder des Angriffs - die Wächter über die Rechtgläubigkeit heute, die offiziellen und erst recht die selbsternannten, hätten viel zu lernen von Antonius; die Lauterkeit seines Wesens und Lebens hat offensichtlich seine Predigt so glaubwürdig gemacht, dass er keiner Verurteilung bedurfte. Kraft ihrer Wahrhaftigkeit haben seine Worte die Menschen in der Seele angerührt und selbst hartnäckige Widerstände bezwungen.

IV.

Eben davon erzählen auch zwei der schönsten Legenden, die sich um die Gestalt des Hl. Antonius gewoben haben - übrigens genau die, die über unserem Antonius-Altar ins Bild gesetzt sind: rechts die berühmte Fischpredigt und links die Sache mit dem Esel, der - obwohl seit Tagen ausgehungert - zuerst dem eucharistischen Herrn die Ehre erweist, bevor er sich über das Futter hermacht, und damit seinen ungläubigen Besitzer beschämt.

Wenn an der Seite eines Heiligen Tiere auftauchen, geht es immer um die Versinnbildung von Innerem, um Seelengeschichten. Fische sind ja Wesen aus der Tiefe. Sie stehen für das, was wir heute das Unbewusste nennen. Dass die Fische dem Hl. Antonius bei der Predigt zuhören, will bedeuten: seine Worte rührten Menschen auch in dem noch an, was dem klaren Licht des Verstandes verborgen ist. Er hat sie im Tiefsten angesprochen. Was angesprochen wird, ist auch anerkannt. Antonius hat geholfen, dass das Ahnen so vieler Menschen, dass es anders werden muss mit der Kirche, - dass das nicht aggressiv gegen die Kirche sich hat durchsetzen müssen, sondern dass es in ihr sein Recht bekam.

Und nicht anders mit dem Esel: der Esel steht schon in der Bibel gern fürs Gefühl; und Herren oder Besitzer versinnbilden den berechnenden Verstand. Dass vor Antonius der Esel der Wahrheit näher ist als sein Herr, damit will gesagt sein: Antonius hat dazu ermutigt, dem inneren Gespür für das Heilige zu trauen - dem Gefühl für das, worin Gott selbst sich mitteilt. Antonius war überzeugt, dass dem Menschen die Wahrheit des Evangeliums nicht von außen andemonstriert und aufgedrängt werden muss, sondern dass sie ein jeder aus seinem Inneren heraus als wahr erkennen und anerkennen kann. Anders lässt sich nicht erklären, dass er keinerlei Polemik oder gar Drohung brauchte.

Eben darum ist Antonius nicht nur ein sympathischer, sondern zugleich ein moderner Heiliger. Modern heißt: einer, der den Menschen in seiner Selbständigkeit wahrnimmt und ernstnimmt. Diese Überzeugung verbindet übrigens den Franziskaner-Mönch aus Padua mit dem größten Heiligen des Dominikanerordens, der eine knappe Generation nach ihm lebte: mit Thomas von Aquino.

Der hat seine Berufung zusammengefasst in dem Satz: contemplari et contemplata aliis tradere - die Heilige Schrift meditieren und das Erschaute anderen weitergeben - weitergeben, damit sie es als ihr Eigenes entdecken. Haargenau dies hat auch Antonius getan, darum ist er in unserer Pfarrkirche hinten, rechts vom Nordportal, dargestellt, wie er in unserer Pfarrkirche vor dem Bildnis des Gekreuzigten, dieser Mitte unseres Glaubens, sich in die Heilige Schrift vertieft - das hat Antonius zum großen Seelenführer gemacht.

V.

Obwohl er sich so sehr auf das Innere konzentrierte, war Antonius trotzdem absolut nicht das, was wir heute einen Guru nennen. Antonius wusste, dass das Geistliche nicht innerlich bleiben kann, weil es sonst steril und verblasen wird. Es muss Folgen zeitigen für das Leben, wie es der Alltag fordert. Genau das hat Antonius zuwege gebracht. Auf seine Predigt hin haben sich öffentliche Bräuche geändert, die gang und gäbe waren.

Unglaublich, aber wahr: noch heute gilt in Italien das Schuldnergesetz vom 15. März 1231, das auf eine Predigt des Hl. Antonius zurückgeht: dass ein Schuldner nur noch mit seinem Besitz, nicht mehr aber mit seiner Person und seiner Freiheit haftet. Das war nichts Geringeres als die Überwindung einer brutalen Form der Leibeigenschaft. Und genau in diesem Sinn muss man verstehen - und als richtig verstehen! -, dass in den armen Gegenden Italiens heute noch die Taschendiebe den Hl. Antonius als ihren Patron verehren als den, dem sie sich mit der Bitte anvertrauen, auch etwas abzubekommen von den überreichlichen Gütern, die eine kleine Oberschicht für sich beansprucht.

Um es in der Sprache von heute zu sagen: Antonius' Mystik hatte politische Konsequenzen. Darum ist er in unserer Kirche über dem Aufgang zum Chor dargestellt, wie er Brot an Bettler austeilt.

VI.

Eigentlich darf es gar nicht verwundern, dass Antonius zu allen Zeiten so viele Verehrer fand. Ganz einfach die Art, wie er war - sein geistliches Gespür für die Zeichen der Zeit und zugleich sein Feingefühl für die ganz praktischen Nöte -, das zusammen ermutigt dazu, so wie er dem Evangelium zu trauen. Denn das reicht, um so wie er - mit dem Leben neu anzufangen - jenen Neuanfang zu leben, den Gott selbst verbürgt und versinnbildet dadurch, dass er in Bethlehem ein kleines Kind, also ein neues Leben hat werden wollen. Eben darum ist der Hl. Antonius in unserer Kirche dreimal mit dem Jesuskind dargestellt: links vorne steht es - bezeichnend auf dem Evangelienbuch, das Antonius trägt, am Antoniusaltar sitzt es auf seinem Schoß, und über dem Nordportal hält es ihm die Gottesmutter entgegen.

Antonius ist Künder und Zeuge des Neuen, das anfängt, wenn einer das Evangelium wörtlich nimmt. Darin zu allererst will uns Antonius den Weg weisen. Jedem persönlich und den Seelsorgern sowieso.

Klaus Müller, Festpredigt zum Antoniusfest im Jahr 1988


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