Geistliches Wort


Festpredigt von Stadtpfarrer Dr. Hierl zum Patrozinium am 17. Juni 2007


Liebe Schwestern und Brüder,

niemand wird behaupten wollen, dass die Heiligen heutzutage besonders hohes Ansehen hätten. Der selbstbewusste moderne Mensch braucht keine Vorbilder; jedenfalls sind nicht wenige dieser Meinung! Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts war das ganz anders. Ganz besonders vom 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, da war die Heiligenverehrung der besondere Reichtum im Alltag eines Katholiken: in diesen Jahren wurde auch der hl. Antonius von Padua überall verehrt, die Menschen pilgerten zu ihm, trugen ihm ihre Anliegen vor, schenkten ihm ihre Vertrauen. Von all dem scheint nichts geblieben zu sein. Vielen ist solche Heiligenverehrung fremd geworden! Und so fragen wir uns heute: was kann uns ein Heiliger sagen, der vor 800 Jahren gelebt hat? Was könnte er gar für eine moderne Pfarrgemeinde am Beginn des dritten Jahrtausends bedeuten?


Ich bin überzeugt, auch uns modernen, uns kritischen Menschen hat der hl. Antonius etwas sagen; wir brauchen nur auf sein Leben zu schauen, sein Verhalten, seine Entscheidun- gen.

Sein Ordensleben beginnt nicht so eindeutig, wie man meinen möchte: er fängt bei den Augustinerchorherrn in Lissabon an, geht später nach Coimbra, doch nach einigen Jahren wechselt er: er lernt die Franziskaner kennen und tritt mit großer Begeisterung in diesen neuen Bettelorden ein: schon aus diesem Verhalten können wir einiges erschließen:

Antonius war ein suchender Mensch, einer, der sich sehr wohl überlegt hat: "Was will ich, was ist für mich gut?" Und offensichtlich fragte er sich vor allem: "Was erwartet Gott von mir, wie kann ich IHM am nächsten sein!" Die Chorherrn waren ihm da zu weltlich, ihr Lebensstil forderte zu wenig von ihm!

Auch wir sollten suchende Menschen sein; Menschen, die sich fragen: Wie will ich leben, damit mein Leben eine Mitte hat? Was bedeutet mir Gott? Bin ich aus ganzem Herzen Christ oder geht es mir nur um eine Äußerlichkeit?

Außerdem wollte der hl. Antonius ganz einfach leben: das war sicherlich ein Grund für ihn, sich den Minoriten anzuschließen; doch an sich gehört ein einfacher Lebensstil überhaupt zu einem christlichen Leben; und gerade heute, da wir wissen, wie sehr unsere Welt durch übermäßigen Konsum bedroht ist, ist uns unser Pfarrpatron in seiner Anspruchslosigkeit ein Vorbild! Ein glückliches, ein gutes Leben braucht nicht so viel, wie manche meinen; auch mit wenigem kann man menschenwürdig leben.

Antonius war ein sehr berühmter Prediger, er verstand es, die Menschen mitzureißen, sie für den Glauben zu gewinnen. Er war ein begnadeter Redner, einer, der in reichem Maße über die Gabe des Wortes verfügte. Wir müssen nicht alle Prediger sein, aber über Gott und seine Botschaft sollten wir uns doch austauschen können, zumal die Eltern: wie sollen sie sonst ihre Kinder zum Glauben führen?

Da sieht es heutzutage nun wirklich nicht gut aus: Viele haben kaum eine Ahnung von Glauben und Kirche, kennen nicht einmal mehr die wichtigsten Aussagen dessen, was christlich ist; wie sollten sie über ihren Glauben Rechenschaft ablegen können? Nichts ist heute so notwendig, wie diese geistige Auseinandersetzung mit unserem Glauben, die immer mehr verloren geht; selbst Menschen, die ansonsten gebildet sind, begnügen sich oft mit einigen saloppen Sprüchen, wenn wirklich einmal das Thema "Religion" berührt wird; meistens wird es ohnehin gemieden, als wäre es höchst unanständig, über den Glauben zu reden.

Diese Sprachlosigkeit in Glaubensfragen zu überwinden, muss darum unser vorrangiges Ziel sein.

Antonius vermochte deswegen darüber so gut zu reden, weil er die Bibel kannte; ihm war Gottes Wort vertraut. Heutzutage ist vielen die hl. Schrift völlig unbekannt! Wie sollte man da sinnvoll über den Glauben reden können? Verstärkt wird diese Unfähigkeit noch durch eine verbreitete Verkümmerung der Sprache, die vielen nicht mehr erlaubt, über Dinge zu sprechen, die über das Sichtbare, das Greifbare, das Materielle hinausgehen.

Vieles also können wir vom hl. Antonius lernen!

Fangen wir gleich damit an: Lesen wir wieder mehr in der Schrift, pflegen wir das Glaubensgespräch in der Familie, im Freundeskreis; und suchen wir wieder mehr die Mitte unseres Lebens in Gott! Dazu bedarf es freilich der Besinnung, der Stille, des Nachdenkens. Gewiss, man muss nicht unbedingt ins Kloster gehen, um für Gott Zeit zu haben; aber immerhin müssen wir uns wenigstens hin und wieder für ihn Zeit nehmen, und seien es auch nur einige Minuten: Zeit zum Durchatmen, zum Innehalten, zum Niederknien!

Ja, wir können vom hl. Antonius lernen, können lernen, wie wir als Christen leben sollen, aber auch, dass wir unseren Glauben kennen müssen. Er ist uns ein Vorbild für unseren Glauben - in der Theorie und in der Praxis. Keiner wird sagen, er habe das nicht mehr nötig, er wisse alles und er lebe ganz so, wie er es als Christ soll. Wer nicht mehr bereit ist zu lernen, ist tot, und wäre er in der Blüte seiner Jahre. Das gilt auch für unser Christsein: Wer nichts mehr lernen will, ist tot, und wäre er noch so fromm!

Seien wir also offen für neue Fragen, neue Probleme, neue Antworten! Lernen wir, lernen wir Christ-Werden vom hl. Antonius!

Denn wir sind nicht vollkommen, sind es nicht im Tun und nicht im Denken, nicht im Wissen und nicht im Handeln, nein, wir sind stets Anfänger, und bisweilen sogar blutige Anfänger!

Amen!


(Bild: Statue des hl. Antonius vor der Kirche auf dem Kirchplatz.
Foto: Heinz Vogl
)


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